Bürgerfest von Männedorf

Das Bürger-Fest von Männedorf – Festrede

Am 16. August 1798 leistet Männedorf wie alle Gemeinden des Kantons den Eid auf die neue Staatsverfassung. Gleichzeitig wird ein grosses Volksfest – das Bürgerfest – organisiert. Die Rahmenbedingungen für das Fest sind genau vorgegeben. In Männedorf ist einer der Festredner Vinzenz Studer. Vinzenz Studer stammt aus Luzern, wo er ursprünglich als Theologe tätig war. Später arbeitet er als Advokat und Journalist in Stäfa, wo er einen „republikanischen Kalender“ herausgibt. Studer wird in der Innerschweiz wegen seiner politischen Tätigkeit verfolgt und lebt in Stäfa im Asyl.

Die vom Bürger Studer aus Luzern auf tausende von Jahren geschworene Freiheits-Republik überlebte mal grad bis zum 10. März 1803 – also keine 5 Jahre! Zum Glück!
Die Festschrift gibt Anlass zum Schmunzeln und zum Vergleich mit heutigen Reden und Versprechungen von Politikern.

Bürgerfest von Männedorf

Eine Abschrift der Festschrift vom 16. August 1798

Das Bürger-Fest in Mänedorf

an dem Tage der Eidleistung, samt der Rede an das Volk.

Gehalten von Bürger Studer von Luzern, geweihet allen biedern Freunden und Bürgern von Mänedorf.

Den 16. August 1798.

Helvetien, im ersten Jahr der schweizerischen Einheit.


Bürger und Freunde von Mänedorf!

Schon lange hat eure friedliche Gemeinde durch ihre ruhige Anhänglichkeit an die Sache der wahren Freyheit  sich um das Vaterland verdient gemacht. Nichts ist gerechter, als dass es auch die ganze Welt erfahre, wie republikanisch ihr dem Rufe der Gesetzgeber gehorchend den Tag des Bürgereides festnetet.
Erlaubt also mir, meine lieben Bürger! Der ich die Wonne dieses Tages mit euch genoss, und von euerm edeln Beyfall meine Vaterlandsliebe so glänzend gekrönet sah, erlaubt mir ein kleines Gemälde von der planmässigen Ordnung und pünktlichen Ausführung unsers republikanischen Festes der Nachwelt mitzuteilen. Es wird euern Enkeln einst noch wohl thun, an diesem ersten Tag des republikanischen Eides ihrer Väter zu denken, an dem grossen Tag der feyerlich beschwornen Freyheit und der Menschenrechte, und segnen wird euch dann dafür das kommende Menschengeschlecht!

So stürmisch der Abend vor dem feyerlichen Tage war, und nur wenig Hoffnung günstiger Witterung auf diesen Tag uns übrig blieb, so enthüllte sich doch der Himmel am folgenden Tage zur allgemeinen Freude. Früh beym ersten Glanze der Sonne rufte der Kanonendonner die Schlummernden aus der Ruhe – Die Trommel wirbelte munter die Tageswacht, und alles beginnt zu wimmeln und zu leben; jede Stirne ist entfaltet, heiter jeder Blick.

Unter der Anführung meines Freundes, des Bürger Major Zuppinger, sammelt sich Mänedorfs junge Mannschaft in bürgerlicher Feyerkleidung und mit der ganzen Armatur, als Soldaten des Vaterlandes, als Nationalgarden Helvetiens. – Die Munizipalität, an der Spitze der theure Bürger Präsident Billeter und Richter Zuppinger des Distriktes, und der biedere National-Agent Bindschädler vereinigt sich auf dem Gemeindehaus, wo letzterer mit einer kurzen patriotischen Anrede dem geordneten Militair die neuen dreyfarbigte National-Fahne, das Panter der Freyheit, übergiebt. –

Die blühenden Töchter von Mänedorf, wie dessen jüngere Söhne, erstere im weissen Gewande der Unschuld mit fliegenden Haaren und farbigten Bändern umwanden, die Kokarde am patriotischen Busen, sammeln sich gleichfalls vor dem Gemeindehaus, und nun beginnt der Zug zum Freyheitsbaume in folgender Ordnung:

An der Spitze eine Militairkompagnie die trefflich besetzt türkische Musik unsrer lieben Brüder und Nachbarn von Lachen, dann der würdige Major zu Pferde, das Fahnenpiquet mit der neuen Freyheits-Fahne, auf welches die konstituirten Gewalten folgen – Paar und Paar schliessen sich an diese die Töchter Helvetiens mit blumigen Kränzen am Arme – darauf die Söhne der Freyheit, geziert mit Palmzweigen, dem Zeichen des Friedens – und endlich beschliesst eine Kompagnie Militair den feyerlichen Zug.

Um den Freyheitsbaum war eine beträchtliche Erhöhung angebracht, behängt mit dreyfarbigen Tüchern und mit Sesseln besetzt für unsere liebe Obrigkeiten – alles sammelt sich auf dem gereinigten Freyheitsplaz, auf welchem noch mehrere Auszierungen würden angebracht worden seyn, wenn es die stürmische Witterung des Vorabends nicht verhindert hätte. – Zur Rechten stehet das Chor der Töchter, zur Linken das der Jünglinge in festlicher Ordnung – alles wird vom Militair eingeschlossen, aussert welchen es froh wimmelt von festlichen Bürgern und Bürgerinnen.

Friedliche Stille erfolgt, und der Bürger Agent eröfnet das republikanische Fest mit einer kleinen Anrede, in der er dem Volke Aufmerksamkeit auf meine zu haltende Rede empfiehlt. – Fast eine Stunde war die ganze Versammlung freundliche Zuhörerin meiner Worte – am Ende derselben erschallte die Musik, nach welcher der Agent die Beschlüsse vom Bürger Regierungsstatthalter in Rücksicht des zu leistenden Eides verlas. Nun war der Eid vorgelesen und im feyerlichen Jubelton – die Recht in die Höhe, ruften alle guten Bürger: Wir schwörens! – Der Donner der Kanonen stimmt majestätischen Beyfall in die Männerworte – neue Musi ertönt, unter welcher die Jünglinge hervortreten mit einem jungen grünen Freyheitsbaume, den sie dem grossen gegenüber feyerlich pflanzen, und einer der Knaben, Hs. Jakob Zuppinger, hält auf diese Handlung eine kleine Anrede, wobey, ohne zu schmeicheln, der kernigte Ausdruck und die im Auge zitternde Thräne laut bewies, dass der Knabe auch innig fühlte, was er das sprach, wie folget:

Väter des Volkes!

Bürger, Freunde und Brüder von Mänedorf!
Lebendig, wie dieser junge Baum, den wir zum wachsenden Denkmale dieses festlichen Tages hier pflanzen, wachse in uns die Frühlingskraft unsrer Jugend dem Dienste Helvetiens entgegen! – Glühende Wünsche und warmer Eifer für Freyheit und Gleichheit, ewiger Hass allem dem, was wieder Geseze und Ordnung, wider Sittlichkeit und Wohlstand läuft, – dies, Bürger, sind die kleinen Gaben, die wir heute auf den Altar des Vaterlandes legen. –

Nie wanke euer Männermuth von wahrer Bürger-Pflicht, die ihr so feyerlich heut geschworen; froh und muthig wollen wir einst auf der schönen Bahne vorwärts wandeln, die ihr, theure Väter und Brüder, so mannlich uns ebnet! – Möchtet ihr heut schon in unserm jungen Bürgensinne die reiche Erndte eurer mühevollen Saat erbliken, und Früchten des von euch gepflanzten Baumes belohnend euch entgegen winken! Segnend danken durch mich euch Bürgern Helvetiens, Mänedorfs jüngere Söhne der Freyheit für die Wonne dieses Tages, der uns alle zu einer einzigen, unaussprechlich glücklichen Brüderfamilie vereiniget! Heil dem patriotischen Agenten, der die Beweise eurer Bürgertreu empfieng! Heil und ewigen Dank den würdigen Präsidenten und Richtern des Distriktes! Glük und Segen unsrer neuen Munizupalität! – Es leben alle guten Bürger, alle Freunde der Freyheit und der Menschenrechte! Ewiger Hass der Anarchie!

Ein sanftes Adagio nahm dieses rührende Schauspiel auf, und nun traten die Töchter zum neu gepflanzten Baume hin, zieren ihn mit Bändern und mit Kränzen, und Margaretha Billeter, des würdigen Präsidenten sanfte gefühlsvolle Tochter sprach mit Mund und Herz:

Lasse Dich, junger, zarter Baum, gepflanzt zum ewig frohen Denkmale dieses unvergesslichen Tages mit dem süssen Bande schwesterlicher Eintracht umschlingen! – Wie die Söhne Helvetiens in dir das Bild der wachsenden Freyheit nachahmten, so winden die Töchter der Freyheit in diesem frohen Augenblike um dich den heiligen Kranz der Gleichheit! Wie unser freygewordnes Vaterland mehre sich deine Grösse von Tage zu Tage – fester gründen sich deine Wurzeln, dass sie trozen jedem Sturme aus Norden – unter deinem wohlthätigen Schatten wandeln einst frohen Sinnes die Kinder Zukunft, seegnend ihre biedern Väter!

Ja, theure Väter, Bürger, und Brüder! Lasst heute eure Kinder und Schwestern auch eintretten in die grosse republikanische Brüder-Familie, die sich hier von Gottes Angesicht so feyerlich verbunden! – Zwar haben wir, schwächere Hälfte, keine theure Eide, um wahren Bürgersinn wie ihr zu schwören – Aber hier in unserm Busen schlägt ein republikanisch bieder Herz, das von sanften Gefühlen für Freyheit und für Menschenrechte ungeheuchelt glühet.

Ja, theure Freunde, auch wir wollen es uns zur grossen, süssen Pflicht machen, freye Töchter Helvetiens zu seyn – unser aufmunternde Blik soll euern Männermuth immer neu beseelen, und weibliche Sanftheit euch zu gefühlvollen Menschen stimmen, denen das Wohl des Nachbars so theuer ist als das Ihre.

Nehmt, Brüder, dies kleine Opfer, die Herzenssprache aller meiner Freundinnen, in derer Namen ich zu euch spreche, nehmt diesen feyerlichen Beweis unserer unverstellten Theilnahme an euerem, und des theuren Vaterlandes Glück – und lasst uns auch mit euch im frohen Gemische die Freude dieses Tages geniessen – Bruder und Schwestern vom Bande der Gleichheit unschlungen – Lasst endlich auch uns mit einstimmen in den melodischen Freyheitsgesang:

Es lebe die Helvetische Rebublik.
Es lebe Freyheit und Gleicheit.

Ein allgemeines: es lebe die heveltische Republik! Ertönte durch alle Glieder, das Militair schwang seine Hüte auf den Bajonetten, die Musik verdoppelte ihre harmonischen Töne, und begleiten das neue Freyheitslied, bestimmt auf die Feyer dieses Tages gemacht, in der Melodie, Freut euch des Lebens, allen Bürgern Helvetiens geweiht.

Schwöret der Freyheit,
Söhne Helvetiens!
Treue der Gleichheit
Heiligen Schwur!
Uns rufet in das Feyerkleid
Der jedem Bürger theure Eid,
Für das Gesez und Vaterland,
Und feste Eintrachts-Band.

….. die Abschrift des Gedichts folgt noch.

Endlich treten die jüngeren Klassen von Plaze in feyerlicher Ordnung ab, um Raum zu lassen der Eidfähigen Mannschaft, deren Verlesung nun vorgeht.

Zum Beschlusse wurden sehr angenehme militairische Uebungen von unserm erfahrenen Major Zuppinger vor genommen, mehrere Salven in abwechselnder Ordnung gegeben, und ein feyerlicher Zug des Militairs um den Freyheitsbaum und den Siz der Obrigkeiten mit türkischer Musik geordnet.

Nach Beendigung dieser Feyerlichkeit wurden lange Tische um den Freyheitsbaum gepflanzt, lange Tücher darüber wider die glühende Sonne gezogen – jeder Bürger hatte freyen Zutritt, und jeder wählte sich seine Gattin, als eine der Töchter; und unter türkischer Musik gieng man Paarweise an die gemeinsame Tafel – Froher Sinn und Scherz würzten das republikanische Mahl – und um in unnöthiger Beschreibung nicht weitläufig zu seyn, so verdienen noch die patriotischen Gesundheiten angemerkt zu werden, welche ein lauter Jubelton aus aller Herzen begleitete:

Der helvetischen Republik und ihrer grössern Schwester, der Frankenrepublik – unserer Retterin und Erlöserin – ein dreyfaches Lebehoch!

Unserm würdigen, allgemein beliebten Bürger Regierungsstatthalter Pfenninger ein dreyfaches Hoch!

Denen konstituirten Gewalten des Kantons Zürich, Heil, Segen und Bruderliebe!

Unsere treue Freunde und Nachbaren von Lachen wurden dabey nicht vergessen, und auf ihrer Gesundheit, wie auch auf die Gesundheit unsers Bürger Pfarrers, der auch gemeinschaftlich die Freude und die Feyer dieses Tages mit uns theilte, ein frohes Glas geleert.

Die Menschenfreunde von Mänedorf dachten auch wohlthätig an diesem Freudentage an die Armen, und die freywilligen Steuern für dieselben flossen so reichlich, dass jeder Arme mit theilnemen konnte an der Erquikung unsers republikanischen Festes.

Die gegen 2 Uhr Nachmittag eintretende stürmische Witterung trennte uns zu früh von unserm gemeinschaftlichen Zirkel – man eilte zusammen in die Häuser, und Musik verkürzte die Stunden des regnerischen Nachmittags. Am Abend, da der Himmel wieder froher zu lachen begann, sammelten wir uns noch einmal, und ordneten Brüder und Schwestern Hand in Hand einen feyerlichen Zug um einen Theil der Gemeinde, wobey die vorangehende Musik Herz und Stirne erheiterte – Ein gemeinschaftliches Abendessen, abwechselnd mit Tanz und Freyheitsgesang, beschloss den republikanischen Festtag.

Was dieses Fest unaussprechlich froh machte, war die süsse Eintracht, die unter allen Brüdern herrschte – mir, der ich dieses mit inniger Empfindung niederschreibe, war es, als sähe ich nur eine festliche Familie sich freuender Kinder beysammen – es lebe die gute Gemeinde! Es leben die theuren Bürger und Freund von Mänedorf!

Den 19. August 1798.

Studer von Luzern

Bürger Helvetiens, Söhne der Freyheit, Theure Freunde von Mänedorf!

Wer ist wohl in dieser feyerlichen Volksversammlung, in dessen Herz der geheime Wunsch nicht emporgestiegen, eine nähere Auskunft, eine umständlichere Belehrung über die allerdings wichtige Handlung, über den Vaterlandes-Eid, die Pflichten und Verbindungen desselben zu erhalten? – Und wie gerecht ist dieser Wunsch! Denn wer etwas thut, so er nicht kennet, oder worüber er irrige Begriffe hat, stösst oft an, handelt selten mit frohem furchtlosem Herzen. – Welcher Menschenfreund aber macht es sich nicht zur heiligen Pflicht, Licht über alles zu verbreiten, wo Dunkelheit herrscht; jedes Missverstandene mit wahrer Ueberzeugung auszugleichen, das Gute, das Edle, das Beglükende im ungekünstelten, natürlich reizenden Gewande so darzustellen, dass es der Angelehrte wie der Gelehrte vollwichtig empfinden kann, ganz zur Ausübung desselben mit innerer Ueberzeugung hingerissen wird!

Bürger von Mänedorf! Auf diesem Grunsaze der Menschheit beruhet das Lehreramt, das ich heute auf mich nehme, um ein Wort der Belehrung, der Aufklärung und der Beruhigung über die grosse Handlung dieses Tages mit Euch zu sprechen; ich weiss es – ja, ich habe mich mit egnen Ohren überzeugt; dunkel ist noch vielen der Wille euerer Gesezgeber; verhüllt und unbekannt, was ihr dann eigentlich am heutigen Tage vor Gott dem Vater der Freyheit beschwören sollet – und zu welch wichtigen Pflichten euch diese feyerliche Stunde verbindet. – Theure Bürger, die Sache der Freyheit, whares Menschenwohl, und euer alles Glük liegen mir nahe am Herzen – viele frohe Stunden genoss ich in der Mitte eurer friedlichen Gemeinde – habe edlen Freunden von hier vieles, recht viel Gutes zu verdanken: dies und ungeigennüzige Liebe zu euch allen drängten mächtig den heissen Wunsch in mir empor, dieses grosse Bürgerfest euch ganz geniessen zu machen, und durch einen heitern Blik in die segenvollen Folgen dieses Tages euch zur Freude, zur Rührung, und zum Gefühle der Wahrheit zu stimmen, euch so froh zu machen, wie ich es bin, und euch euern Werth fühlen zu lassen, wie ich ihn fühle – diesen meinen Wunsch äusserte ich unserem würdigen Bürger Regierungsstatthalter, und seis menschenfreundliches Aug winkte mir Beyfall und Aufmunterzung zu – Eben so mir nicht minderer Liebe und Freundlichkeit genehmigte unser biedere National-Agent meinen gutgemeinten Vorschlag.
–> Fortsetzung folgt nächstens!

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